Eigentlich müsste mal ...

"Eigentlich müsste mal etwas passieren, das den ganzen Wahnsinn stoppt, den wir hier leben." Bis vor einiger Zeit hörte man Sätze wie diesen immer häufiger. Und nun ist es tatsächlich passiert: dieses "Etwas", das unserer Art zu leben ein ziemlich abruptes Ende bereitet. Ein winzig kleines Virus schafft, was niemand mehr versucht hätte: es bricht die als All-Macht empfundene ökonomische Dynamik mit ihren auf ewiges Wachstum ausgerichteten Zwängen.

Und wir? Wir spüren fast alle, wie gerade ein ganz grundlegender Wandel beginnt. Ein Wandel, der tägliches Hinterfragen gewohnter Alltäglichkeiten und täglich neues Lernen von uns erfordert. Was vor einer Woche noch undenkbar schien, ist heute neu etabliertes Denken, das innerhalb kürzester Zeit in geändertem Verhalten zum Ausdruck kommt.

Unbedingter Glaube trifft auf Realität

Es ist unsere Art zu leben, die uns jetzt auf die Füße fällt, unser unbedingter Glaube daran, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns einfach von unserem Handeln abtrennen können. Wir wollen zum Beispiel billige Antibiotika haben und blenden dafür mit aller Macht die Konsequenzen aus, die weit weit weg, am anderen Ende der Welt durch die Produktion billiger Antibiotika entstehen: Umweltkatastrophen gigantischen Ausmaßes, die unverantwortbar sind und doch sehenden Auges in Kauf genommen werden.

Rund um die Produktions-Stätten von Antibiotika in China und Indien wurden durch den sorglosen Umgang mit Abwässern ganze Seen und Flüsse mit multiresistenten Keimen verseucht. Tiere, vom kleinen Fisch über den freien Vogel bis hin zur ausgewachsen Kuh baden darin, trinken das verseuchte Wasser, weil niemand sie davon abhält. Schon seit Jahren wird vor Super-Erregern gewarnt, die in diesen verseuchten Gewässern bestens gedeihen und schlimmste Pandemien auslösen können, gegen die dann keine bekannten Medikamente mehr wirken.

Neue Einsicht

Diese Warnungen wollte niemand hören. Weil der unbedingte Wille, billige Antibiotika zu bekommen, stärker war als jede Vernunft, die uns die Konsequenzen dieses Willens vor Augen führte. Jetzt, wo die Pandemie da ist, gibt angesichts nicht lieferbarer Hilfsmittel sogar der nrw-Gesundheits-Minister Karl-Josef Laumann vor laufenden Kameras zu: "Es war einfach nur unsäglich dumm, uns ganz ohne Not so derartig von Importen aus dem billigen Ausland abhängig zu machen." Das gibt Hoffnung.

Denn das winzig kleine Corona Virus hat nicht nur die als All-Macht empfundene ökonomische Dynamik mit ihren auf ewiges Wachstum ausgerichteten Zwängen durchbrochen. Es fordert von uns auch mit aller Macht, das wir neu lernen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Und dieses neue Lernen hat schon begonnen. Plötzlich werden zum Beispiel die Menschen mit Dank und Applaus bedacht, die tatsächlich system-relevant sind, nämlich: die, die für unsere Gesundheit und für unsere Ernährung arbeiten.

Wahrheit bleibt Wahrheit, egal, woran wir lieber glauben

Das ist ein wunderbarer, kleiner Anfang. Wenn es jetzt gut läuft, führt uns dieser gute Anfang hoffentlich auch zu einer ganz grundsätzlichen Einsicht, die innerhalb kurzer Zeit in geändertem Verhalten zum Ausdruck kommt: Leben ist eine untrennbare Abfolge von Ursache und Wirkung. Was auch immer wir tun, hat eine Wirkung, die uns als Konsequenz früher oder später auf die Füße fällt. Diese einfache Wahrheit können wir mit dem unbedingten Glauben an die All-Macht des Verdrängens so weit weg verdrängen wie wir wollen, es bleibt eine Wahrheit, die uns die Konsequenzen unseres Handelns immer wieder auf die Füße fallen lassen wird.

Das konsequente Anhalten allen öffentlichen Lebens, mit allen zugehörigen Konsequenzen, die auf uns zukommen, birgt auch eine großartige Chance: die Chance auf einen Wandel, auf einen Neu-Anfang, in dem etwas ganz Entscheidendes viel wichtiger ist als der unbedingte Wille, sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen.

Wir sind diejenigen, die jetzt einen echten Wandel einläuten

Hören wir auf daran zu glauben, dass man durch bloßes Verdrängen die Wahrheit außer Kraft setzen könnte. Das gilt für die Konsequenzen billiger Antibiotika-Produktion genauso wie für seelische Konflikte oder kleine Alltagslügen für all das, was kurzfristig wie ein Vorteil erscheint. Schauen wir der Wahrheit ins Auge und bedenken die Konsequenzen unseres Handelns. Langfristig. Wenn das jetzt zum Leitfaden unserer Handlungen wird, wird das Konsequenzen nach sich ziehen, durch die wir jetzt einen echten Wandel einläuten.

Wir eröffnen uns die Chance, diese Krise richtig vernünftig zu nutzen. Wenn uns das gelingt, jedem einzelnen von uns, dann können wir seelisch sehr gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Dafür müssen wir nur aus dem "Eigentlich müsste mal ..."-Modus hinübergleiten in verantwortungs-bewusstes Handeln. Ein Handeln, das dem gründlichen Nachdenken über die Konsequenzen folgt.

Ein paar Quellen hierzu:

https://www.tagesschau.de/ausland/antibiotika-113.html

https://www.tagesschau.de/ausland/antibiotika-indien-107.html

https://www.infosperber.ch/Wirtschaft/Novartis-Roche-Superkeime-aus-Indien-im-Basler-Trinkwasser

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/74503/Antibiotikaresistenzen-durch-mit-Medikamenten-verseuchte-Gewaesser-in-Indien

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/publikationen/181012_uba_hg_antibiotika_bf.pdf

Ein Dokumentations-Film dazu:
https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/der-unsichtbare-feind-video-102.html