Ich denke, also ...

leere Sprechblase"Ich denke, also bin ich." - sprach René Descartes und begründete damit seine Philosophie des rein rationalistischen Denkens, auch "Cartesianismus" genannt. Ob er ahnte, mit welcher Nachhaltigkeit er die Wahrnehmungsweise unseres Kulturkreises mit diesem einen Satz geprägt hat, wissen wir nicht. Fest steht: rund 370 Jahre nachdem das "Ich denke, also bin ich" in die Hirne gepflanzt wurde, glaubt man hier immer noch felsenfest daran, dass einzig und allein das eigene Denken das Sein bestimmen könnte.

Descartes kam seinerzeit auf diesen Gedanken, weil er sich von Dämonen heimgesucht fühlte, die ihn derartig verwirrten, dass er vor lauter Angst seine bloße Existenz in Zweifel zog. Dass schon allein das Fühlen dieser Angst und Verwirrung ihm sagten, dass er ist, also, dass er existiert - nun ja, auf diesen Gedanken kam Descartes nicht. "Ich fühle, also bin ich", das hätte in seinem Falle ja auch bedeutet, dass er sich mit seinen Gefühlen hätte identifizieren müssen. Und das wollte er für kein Geld der Welt. Wer identifiziert sich auch schon gerne mit existenz-bedrohenden Ängsten?

Ich denke, also schaffe ich Illusionen

Also flüchtete er sich lieber in sein "Ich denke, also bin ich". Damit schuf er sich einen rein rationalen Identifikations-Punkt, an dem er sich vor seinen irrationalen Ängsten und Dämonen sicher wähnte. Mit dem Abtrennen seiner irrationalen Gefühle aus seiner Identität, schuf er sich eine Wunsch-Identität, die seinem Ego besser gefiel als die tatsächliche. Dass er damit eine pure Illusion schuf, die noch dazu das ganze Sein auf einen bloßen Bruchteil reduziert, nun ja, auf diesen Gedanken ist bis heute kaum jemand gekommen. Zumindest scheint es so.

Der Glaube an die Überlegenheit des voll kontrollierbaren rationalen Denkens über die unkontrollierbaren irrationalen Gefühle geht einher mit dem Wunsch nach Erhabenheit über die Untiefen der animalischen wenn nicht gar dämonischen Emotionen. Doch wir alle fühlen und reagieren irrational. Ständig. Ob Ärger, Verliebt-Sein, rasende Wut, Eifersucht oder Gleichgültigkeit. Wir fühlen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ob wir es wahr haben wollen oder nicht. Und weil unsere Gefühle mehr Macht über unser Handeln haben als alles Andere, ist die gesamte Wirtschaft geprägt von florierender Werbe-Branche und auf Gier basierenden Finanz-Katastrophen.

Rational und Irrational - zwei Pole unseres Seins

Die Welt ist ein Ort der Polarität. Nichts existiert ohne sein Gegenteil. Ohne Nacht kein Tag, ohne kalt kein heiß, ohne Hass keine Liebe, ohne irrationale Gefühle kein rationales Denken. Jeder Versuch, diese Polarität zu leugnen, bedeutet nichts Geringeres als ein Abdriften in von Wunschdenken geprägte Illusionen. Und das hält uns davon ab, der tatsächlichen Realität ins Auge zu sehen und Frieden zu finden mit unserer Identität, wie sie ist.

Ich bin. Punkt.

Nur so herum wird ein Schuh draus: Ich bin. Und weil ich bin, denke ich, fühle ich, verhalte ich mich, etc. So oder so. Wir sind. Ob wir denken, fühlen oder beides gleichzeitig tun. Jeder trägt beides in sich, das rationale Denken genauso wie das irrationale Fühlen. Beides sind Teile unserer Identität. Wir tun gut daran, unsere jeweils individuelle Identität zu erkennen, wie sie ist, anstatt sie durch Gedanken in die Richtung des Bildes zu verbiegen, dass unser Ego gerne von uns hätte.

Wenn wir aufhören, uns dem reinen Denken des Egos gehorchend zu verbiegen und stattdessen lieber herausfinden, wer wir tatsächlich sind, dann hören wir auch auf, Andere verbiegen zu wollen. Und das könnte die Welt erheblich friedlicher machen.