Positiv denken - aber ehrlich

leere SprechblaseEs stimmt. Positives Denken macht das Leben leichter und angenehmer. Da liegt die Verlockung nahe, alles positiv zu belegen, egal was wie kommt. Und tatsächlich: wir alle könnten uns ganz gezielt darauf konditionieren, stets alles positiv zu sehen, und uns selbst nur noch solche Gefühle zu gestatten, die wir als positiv erachten, und sei es um den Preis, alles andere konsequent aus der Wahrnehmung zu verbannen. Doch wozu? Nur, damit es das Leben leichter und angenehmer macht? Für den Moment klappt das sicher. Aber auf Dauer?

Auf Dauer lauert in einem solcher Art falsch verstandenem Positiven Denken ein Davonlaufen vor sich selbst mit Ansage. Denn unsere Gefühle kommen nun mal so, wie sie kommen. Es sind unsere wahren Gefühle, die unsere Identität ausmachen. Deshalb verzehren wir uns ja auch so sehr nach wahrer Liebe, wahrer Freundschaft, echter Freude. Wenn wir wahren Schmerz, wahres Unbehagen oder wahre Ratlosigkeit unterdrücken, weil sie unserem Selbst-Diktat des positiven Denkens widersprächen, dann liegt darin nichts Positives, sondern die Ablehnung der eigenen Identität.

Wozu leben wir?

Und wozu leben wir denn? Etwa zum Ablehnen der eigenen Identität? Um uns selbst zu belügen? Zum Davonlaufen vor den eigenen, wahren Gefühlen, bloß weil sie gerade mal nicht leicht und angenehm sind? Was soll daran positiv sein? Wenn wir die angenehme Leichtigkeit des positiven Denkens genießen wollen und dabei gleichzeitig unsere Identität wahren, dann tun wir gut daran, allen wahren Gefühlen, die wir erleben, auch den unangenehmen, in aller Ehrlichkeit und Akzeptanz positiv ins Auge zu blicken und sie so zu nehmen, wie sie sind.

Denn wenn wir Unbehagen fühlen, Ratlosigkeit, Traurigkeit oder sonst etwas, das uns nicht gefällt, dann fühlen wir das ja aus gutem Grund. Diese Gefühle sind die Anstöße zu einer fälligen Reflektion über die Lebensumstände, die uns aktuell mit Unbehagen erfüllen. Das Unbehagen fordert uns auf, eine Veränderung in Gang zu setzen, durch die wir uns am Ende wieder behaglich fühlen. Muskelschmerzen plagen uns schließlich auch so lange, bis wir unseren Muskeln endlich die Ruhe und Pflege geben, die sie brauchen. Genauso müssen wir, wenn wir traurig sind, oder wütend, unseren Gefühlen den Raum geben, den sie brauchen, bis wir einen Weg entdecken, auf dem wir ehrlich lächelnd wieder nach vorne schauen und uns neuer Zufriedenheit öffnen können.

Ja sagen zu fälligen Veränderungen

Positiv Denken heißt, alles erst einmal so anzunehmen, wie es tatsächlich ist. Auch das Unbehagliche. Und dann schauen wir, was wir draus machen. Nehmen wir also das, was ist, um es zu genießen, und sagen: ja, das ist schön. Oder wir nehmen es und sagen, ja, das tut mir weh, und darum setze ich eine Veränderung in Gang, durch die es mir so bald wie möglich wieder gut geht.

Wenn wir Positives Denken in dieser Art umsetzen, leben wir unsere Identität so, wie sie ist. Und wir entdecken die viel tragfähigere Leichtigkeit darin, Anstöße zu fälligen Veränderungen positiv gestimmt anzunehmen. So sagen wir ja zu uns, wie wir wirklich sind, ja zu dem was ist, ja zu dem was wir fühlen und ja zu allen Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Das ist dann durch und durch ehrlich. Und ehrlich positiv. Vor allem auf Dauer.