Religion zum Weglaufen

leere SprechblaseImmer wieder ernte ich erstaunte Blicke, wenn ich klarstelle, dass ich nicht religiös bin. Dass ich zu den vielen Menschen gehöre, die mit Religion nichts am Hut haben. Und das nicht, obwohl ich Spirituelle Heilerin bin, sondern weil ich Spirituelle Heilerin bin. Weil Religion und Spiritualität in der Regel nämlich wenig miteinander zu tun haben.

Religion der Institution

Egal, welche Religion man betrachtet - es ist immer eine von Menschen gemachte Institution. Und es liegt im Wesen von Institutionen, dass sie in erster Linie sich selbst erhalten wollen. Um das zu erreichen, müssen sie sich eine gewisse Macht verschaffen.

Religionen tun dies gern durch das Schaffen von Regeln, Glaubenssätzen und Erklärungsmustern, zu deren obersten Hütern sie sich selbst erklären. Sie geben ein klares Gottesbild vor, deklarieren abweichende Sichtweisen zur Gotteslästerung und sich selbst zum einzig wahren Glauben, zum einzig legitimen Zugang zu Gott. Der Einhaltung dieser Kriterien folgend erklären sie, wer ein guter Glaubens-Anhänger ist und wer nicht, und legen dadurch letztendlich fest, wer gut ist und wer nicht.

Outsourcing führt zu Weglaufen vor sich selbst

Der religiös Gläubige muss nun nur noch die Regeln der Institution befolgen und das von der Institution propagierte Weltbild verinnerlichen, schon gehört er erklärtermaßen zu den Guten. Nicht mehr die eigene, innere Instanz entscheidet über gut und böse, Moral und Ethik. Diese innere Instanz wird outgesourced, wie man neudeutsch sagen würde, also ausgelagert in die Institution. Das Urteil fremder Menschen wird verantwortlich für gutes Gewissen und Selbstwertgefühl.

Durch dieses Outsourcing laufen Menschen vor sich selbst davon. Ehrliche Empfindungen, die dem Weltbild der Religion widersprechen, führen zu tiefen Konflikten mit dem Bewertungs-System der Institution. Deshalb werden sie lieber verschwiegen und unterdrückt, was zu psychischen Deformationen führt, die wir in wohl allen Religionen in der einen oder anderen Form beobachten können. Und die Religion bietet als einzige Handlungsweise in der Regel nur eine Beurteilung als gut oder eine Verurteilung als böse. Darüber hinaus herrscht unterdrückte Ratlosigkeit.

Wer bin ich?

Spiritualität hingegen ist dazu da, sich selbst zu finden. Jede Erfahrung ist ein Schritt hin zu sich selbst, hin zum Verstehen der eigenen individuellen Lebens-Geschichte, wie sie ist. Es ist ein Schritt hin zum Annehmen des individuellen Schicksals, und zum Finden des eigenen Platzes in diesem Leben. Innere Konflikte werden im Geiste dieser Selbsterkenntnis genutzt, um über deren Lösung zu echtem inneren Frieden zu finden. Aus dem Bewältigen dieser individuellen Herausforderungen ziehen wir unser gutes Gewissen und echtes, von innen kommendes Selbstwertgefühl.

Und die Gottes-Erfahrung ist eine höchst-persönliche Angelegenheit. Unterschiedliche Erfahrungen unterschiedlicher Menschen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erfahren. Also können sie selbst dann nebeneinander als wahr bestehen, wenn sie sich gegenseitig widersprechen. Was zählt, ist das tatsächlich Erlebte in Einheit mit der klaren, ehrlichen Wahrnehmung der inneren Instanz, die die Erfahrung erst einordnet und dann in das eigene, innere Weltbild und Wertesystem integriert.

Die Identität kommt in ehrlichen Gefühlen zum Ausdruck

Denn was ein Mensch fühlt, das fühlt er. Die ehrlichen Gefühle sind es, in der unsere Identität zum Ausdruck kommt. Eigene Gefühle zu leugnen bedeutet, die eigene Identität zu verleugnen. Spiritualität aber bedeutet, die eigene Identität zu erkennen.

Wahre Größe

Selbst wenn Sie zum Beispiel mal so wütend sind, dass Sie Ihr Gegenüber töten könnten, liegt Ihre wahre Größe darin, diese Aggressions-Gelüste in Gänze wahrzunehmen wie sie sind, und sie dennoch nicht in die Tat umzusetzen, weil Ihre innere Instanz Sie davor bewahrt.

Wahre Größe liegt auch darin, der inneren Instanz weiter zu folgen und die Aggressions-Gelüste so zu kanalisieren und auszuleben, dass Sie dabei weder sich noch andere schädigen. Ob sie dafür ein Kissen verprügeln, Holz hacken gehen oder einen Hefe-Teig malträtieren, spielt keine Rolle. Hauptsache, Sie können nach einem solchen reinigenden Gewitter der Ursache Ihrer Aggression in die Augen schauen.

Der feine Unterschied

Natürlich kommt keine Gemeinschaft ohne klare Regeln, ohne Wertesystem, Moral und Ethik aus. Und natürlich wird eine Institution gebraucht, die Regeln schafft und für deren Einhaltung sorgt. Es ist auch gut möglich, dass eine spirituelle Gemeinschaft zum gleichen Wertesystem und zu gleichen Moralvorstellungen kommt wie eine religiöse Gemeinschaft. Der Unterschied liegt darin, von welchem Geist die jeweilige Institution durchdrungen ist.

Was ist wichtiger? Die Einhaltung der institutionellen Regeln oder die Menschen, für deren friedliches Zusammenleben diese Regeln gemacht sind? Stützt die Institution das Individuum oder ist es das Individuum, das die Institution stützt? Ist der Geist der Regeln geprägt von dem Glauben an Schuld und Sühne oder von dem wahrhaftigen Bemühen, Verantwortung zu leben? Wird die innere Instanz des Einzelnen gestärkt oder geschwächt? Kommt das Selbstwertgefühl von innen oder gibt es eine Fremd-Bewertung von außen? Im Klartext: Fördert die Institution das Davonlaufen vor sich selbst oder das Sich-Selbst-Finden?

Ich persönlich bin aufgrund eigener Erfahrungen zu der Entscheidung gelangt, das Sich-Selbst-Finden zu fördern. Und dafür werde ich jetzt wohl keine erstaunten Blicke ernten.