Verstehen statt Bewerten

leere SprechblaseVon allen Seiten und aus allen Kanälen kommen heute die Tipps und Gebote, die es zu erfüllen gilt, um immer glücklich, immer gesund, immer gescheit, immer oben auf und überhaupt: immer auf der Seite des Lichts zu sein. Und wenn wir dann doch mal unglücklich, krank, fehlerhaft, ganz unten sind und die Schattenseiten des Lebens spüren, dann steht schnell fest, dass diese Gefühle und Zustände unsere bösen Feinde sind, die es zu besiegen gilt. Egal wie. Hauptsache, wir sind so schnell wie möglich wieder immer glücklich, immer gesund, immer gut.

Die Einteilung der Welt in das Gute, das wir wollen, und das Böse, das es zu besiegen gilt, ist uns so selbstverständlich und normal, dass wir gar nicht merken, was wir uns damit antun. Zuerst wird bestimmt, was als gut gilt. Danach gilt es, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um das eigene Empfinden auf die von außen bestimmte Vorstellung von "gut" einzuschwören und von allem zu "reinigen", was als "böse" oder "negativ" bewertet wird. Denn das verheißt den Weg zu Wohlwollen, zu den höheren Weihen, auf die Seite des Lichts.

Ohne Gegensätze kein Leben

Damit erklären wir eine komplette Hälfte unseres Seins zu unserem Feind, mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Und merken nicht, dass wir damit nur Selbstverleugnung für Fortgeschrittene praktizieren. Denn, welch Überraschung, wir normal Sterblichen sind nun mal nacheinander alles mögliche: ruhig, unruhig, aggressiv, euphorisch, liebend, hassend, gebend, nehmend, schlafend, wachend ...

Es ist die Fülle der gegensätzlichen Gefühle, die unser Leben überhaupt erst erfahrbar macht. Denn Leben ist Bewegung, ist ein ständiger Fluss. Und ein Fluss braucht zwingend ein Gefälle von oben nach unten um überhaupt ins Fließen zu kommen, und ein Fluss zu sein. Genauso brauchen auch wir Menschen ein ständiges Auf und Ab um unseren persönlichen Kreislauf des Lebens am Laufen zu halten, um wahrzunehmen, dass wir leben.

Das Ablehnen der eigenen Integrität

Wir brauchen das Licht des Tages für unsere Aktivitäten UND die Dunkelheit der Nacht für einen geruhsamen Schlaf. Leben entsteht durch das Zusammenspiel von auf und ab, plus und minus, Licht und Dunkelheit. Energie fließt nur durch die Spannung zwischen gegensätzlichen Polen. Das gilt für unsere Nerven-Bahnen genauso wie für den Strom, der durch Kabel fließt. Wenn wir echtes, lebendiges Leben erleben wollen, brauchen wir das Fließen von oben nach unten, brauchen wir die hellen und die dunklen Momente, brauchen wir die Spannung der gegensätzlichen Pole.

Nichts ist von sich aus gut oder schlecht. Wir sind es, die dieses oder jenes als angenehm oder unangenehm wahrnehmen. Diese eigene Wahrnehmung aber als negativ, oder böse abzuwerten und daher abzulehnen, das führt zum Ablehnen der eigenen Identität und noch schlimmer: es verhindert das Gespür für das Eins-Sein mit allem. Denn durch das Ablehnen der eigenen Wahrnehmung und Gefühle schneiden wir uns Stück für Stück ab von unserer LebensEnergie, von unserer inneren Integrität. Und wer sich selbst schon nicht mehr als Ganzes akzeptiert - wie soll sich so ein Mensch als Teil eines großen Ganzen akzeptieren und erfahren können?

Verstehen statt verurteilen

Durch das Aufspalten in "gut" und "böse" nehmen wir nur noch die Einzelteile wahr, in die wir unser gesamtes Sein aufspalten. Zum Beispiel in Gesundheit, die wir wollen, und Krankheit, die wir nicht wollen. Innere Integrität zu leben heißt: verstehen, dass der Sinn der Krankheit darin liegt, uns den Impuls für eine fällige Veränderung in unserem Leben zu geben. Und wer die Krankheit nicht kennt, weiß die Gesundheit nicht wahrzunehmen.

Wir bewerten und katalogisieren, richten unser Handeln darauf aus, selbst als "gut" bewertet zu werden. Damit sind wir dermaßen beschäftigt, dass wir gar nicht mitbekommen, wie uns das Wesentliche dabei verloren geht: das Verstehen der Ganzheit, die aus Gegensätzen besteht. Die Einsicht, dass wir ein Teil des Großen Ganzen sind, und nicht etwa eine übergeordnete Instanz, die die Macht hat, über das Geschehen auf der Erde zu urteilen.

Wir sind wie der Rest des Universums

Das gesamte Universum ist bis in kleinste Teilchen durchdrungen von der Dualität. Wir sind ein Teil des Universums und damit genauso bestimmt durch die Dualität. In unserer Welt existiert nun mal ohne heiß kein kalt, ohne oben kein unten, ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Hass keine Liebe, ohne Tod kein Leben.

Im Annehmen und Leben der Dualität, durch die wir existieren, liegt die Wahrnehmung der inneren Integrität, liegt das Bewusstsein für das Eins-Sein mit allem.

Wenn wir das Eins-Sein erleben wollen, müssen wir aufhören, alles abzulehnen, was von wem auch immer als "böse", "negativ" oder "unerwünscht" bewertet wird. Gegensätze sind weder gut noch böse. Sie sind die gegensätzlichen Pole, die das Fließen von Energie ermöglichen. Auch in uns Menschen. Sie sind die Grundvoraussetzung für das Leben. Also schauen wir lieber, welches Gefühl in uns welchen Impuls auslöst, und wie sich unsere gesamte Wahrnehmung dadurch verändert.

Paradies des Zusammenspiels

Bislang nehmen wir uns ein Bewertungs-System zum Leitfaden um die Welt aufzuspalten in das Gute, das wir wollen, und das Böse, das wir ablehnen. Mit diesem Leitfaden machen wir uns unser eigenes Leben selbst zur Hölle. Zu einer Hölle, in der ein willkürlich erstellter Leitfaden über das Wohl und Wehe wahrer Gefühle entscheidet.

Im Paradies auf Erden fließen die Flüsse, gedeihen Flora und Fauna, weil es das Gefälle gibt von auf und ab, weil es Licht und Schatten gibt, Tag und Nacht, Trauer und Glück. Weil das alles weder gut noch böse ist sondern das, was den Kreislauf des Lebens am Laufen hält.