Ein Höhepunkt der Distanz

Eine innige Umarmung zweier vertrauter, älterer Menschen.

Das winzig kleine Corona Virus zwingt uns seit Wochen zu Distanz zwischen uns und unserem Umfeld. Damit zwingt es uns ein Verhalten auf, dass so gar nicht unserer inneren Natur entspricht. Denn eigentlich wollen wir Nähe, wollen die, die wir schützen, auch umarmen. Unserer inneren Natur folgend ist auch unser Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mit körperlicher Nähe gekoppelt. Doch genau das könnte jetzt schlimmstenfalls ein todbringender Fehler sein.

Wir spüren deutlich, wie unnatürlich wir uns jetzt untereinander begegnen. Wir ziehen es durch, weil wir eingesehen haben, dass es sein muss, und spüren doch bei jedem „Heinsberger Gruß“, wie sehr wir dabei ganz und gar gegen unsere innere Natur leben. Den meisten von uns kommt das vor wie eine plötzlich aus dem Nichts aufgetauchte Notwendigkeit, die unser Leben auf den Kopf stellt. Streng genommen erleben wir mit der leben-schützenden Distanz aber nur den Höhepunkt einer Entwicklung, die schon vor Jahren ihren Anfang genommen hat:

Wie sich die Distanz in unser Leben geschlichen hat

Seit Jahren leben wir immer mehr in der Energie der Distanz. Wir kommunizieren ohne Ende auf Distanz. Wir teilen zwar andauernd alles sofort allen mit, haben aber überhaupt keine Nähe zu denen, denen wir alles sofort mitteilen. Manchmal kennen wir sie noch nicht einmal wirklich. Im online-shop kaufen wir Klamotten, von denen wir nicht wissen, wie sie sich anfühlen. Und selbst bei der Partnersuche vertrauen wir lieber irgendwelchen fremd-bestimmten Algorithmen, als unserer inneren Natur, die sofort weiß, dass wir gerade der oder dem Richtigen im richtigen Leben über den Weg laufen.

Schon gar nicht vertrauen wir darauf, dass unsere innere Natur uns tun lässt, was zu tun ist. Bevor wir irgendetwas entscheiden, wird die Elektronik gezückt. Wir googeln Menschen wie Vergleichstest für Waschmaschinen, weil wir Informationen aus dem Internet prinzipiell ernster nehmen als unser spontanes Gefühl. All das schafft immer mehr Distanz zu uns selbst, schafft immer mehr Distanz zu unserer inneren Natur, zwischen uns selbst und unserem Umfeld.

Auf dem Höhepunkt der Distanz spüren wir wieder den Wert von Nähe

Dieses Auf-Distanz-Gehen zu uns selbst und unserer Umwelt erlebt jetzt einen Höhepunkt. Und endlich merken wir, wie wichtig uns tatsächliche Nähe ist. Wir spüren, wie kostbar es ist, sich einfach spontan in die Arme nehmen zu können. Wir spüren wieder, dass wir eine Gemeinschaft sind, in der Solidarität, gegenseitige Anteilnahme und Unterstützung wichtiger sind als alles andere, was uns mal als wichtiger erschien. Wir finden Wege, uns trotz allem innerlich nahe zu sein. Beziehungen werden intensiver. Wir wissen wieder, was wir aneinander haben.

Das winzig kleine Corona Virus zwingt uns seit Wochen zu Distanz zwischen uns und unserem Umfeld. Damit zeigt es uns, wie sehr wir schon lange vorher gegen unsere innere Natur gelebt haben. Und jetzt spüren wir unser Bedürfnis, Nähe zu uns und unserem Umfeld zu leben. Vor allen Dingen spüren wir den Wert, den all das für uns in unserem realen Leben hat. Wir spüren wieder das Wesen unserer inneren Natur.

Die Bereicherung für unser Leben auch über Corona hinaus

Bei all den Vorzügen, die die Elektronik uns bringt, die sich gerade auch jetzt in der Corona-Krise als ausgesprochen hilfreich erweist, erlebt unser Werte-System momentan einen sehr wohltuenden Schwenk in Richtung echter Nähe. In aller Deutlichkeit spüren wir, dass echte Nähe nicht durch Elektronik zu ersetzen ist. Wenn wir auch nach Corona noch wissen, wie kostbar echte Nähe ist, dann kann unser Leben danach ein schöneres sein als vorher. Dann erweist sich die Erfahrung, die wir jetzt machen, als reale Bereicherung unseres Lebens, für das Ernst-Nehmen unserer inneren Natur.


Beitrags-Photo von Gennaro Leonardi auf Pixabay