Es war einmal das Wunder von Bern

Ein einsamer Retro-Fußball auf rötlichem Ascheplatz.

Es gab einmal eine Zeit, da war Fußball mehr als nur ein Spiel. Es ging um mehr als nur ums Gewinnen oder Verlieren. Als Deutschland im Jahre 1954 Fußball-Weltmeister wurde, wirkte dies wie Balsam auf die kriegs-gebeutelten Seelen. Es ging ein regelrechter Zauber aus von diesem so hart erkämpften Titel. Die Mannschaft wurde zum Idol, zum Symbol für Kampfgeist, Zusammenhalt, für hart erkämpftes Selbstvertrauen.

Wenn wir uns heute den Film „Das Wunder von Bern“ von Sönke Wortmann anschauen, können wir auch heute noch nachfühlen, was Fußball damals gewesen ist. Das reißt selbst jene mit, die mit Fußball ansonsten nichts am Hut haben. Eben, weil es damals um viel mehr ging, als nur um Fußball. Die Spieler wurden zu gefeierten Vorbildern für Charakter-Stärke und Moral. Damit halfen sie, die schmerzenden Wunden und Kriegs-Traumata zumindest erträglicher zu machen. Sie erweckten im ganzen Land den Mut für den Blick nach vorn, hier und da sogar für den Blick nach innen.

Das schamlose Zelebrieren von Egoismen

Und heute? Heute erleben wir, wie sich der Fußball über alle gesundheits-relevanten Regeln erhebt und wir reiben uns verwundert die Augen. Da wird gejammert, dass die Vereine kurz vor dem finanziellen Aus stehen, und dass der Spielbetrieb unbedingt wieder weiter gehen muss, damit Sponsoren-Gelder weiter abkassiert werden können. Vor und nach jedem Geisterspiel finden bei den Teams nun mehr Corona-Tests statt als in Pflegeheimen zur Verfügung stehen. Zum Ausgleich wird eine Schweigeminute für die wahren Corona-Helden des Alltags inszeniert.

Diese Schweigeminute wirkt eher wie eine blanke Verhöhnung. Und hieß es irgendwo mal, dass zwei Wochen Quarantäne unabdingbar sind, um die Infektions-Kette zu unterbrechen? Egal. Bei Fußballern reicht auch eine Woche. Zeit ist schließlich Geld. Und vielleicht steht die Dauer der Inkubationszeit ja doch im Zusammenhang mit Intelligenz-Quotient oder sozialer Kompetenz. Wer weiß das denn schon.

Chance vertan

In den oberen Fußball-Ligen wird ein Egoismus zelebriert, der an Schamlosigkeit kaum zu überbieten ist. Bei den horrenden Summen, die Spieler und Manager dort einstreichen, würde es sicherlich keinem wirklich weh tun, mal auf das eine oder andere Milliönchen zu verzichten, um damit den Vereinen, und ihren weniger gut bezahlten Angestellten das Überleben zu sichern.

Der Fußball hätte jetzt die Chance gehabt, mit gutem Beispiel voranzugehen und wieder als gutes Vorbild für Sportsgeist, Zusammenhalt und Charakter-Stärke zu agieren. Er hätte wieder Mut machen können für einen geänderten Blick nach vorn, vielleicht sogar nach innen. Diese Chance wurde vertan, ohne überhaupt erkannt worden zu sein. Und so wendet sich nun so manch hartgesottener Fan angewidert von seinem Verein ab.

Was wir von einem Vorbild erwarten

War da mal was in Sachen Vorbild, Idol oder Moral? So angewidert, wie so viele von uns auf die Egoismen des Fußballs reagieren, so klar steht dadurch eine Aufforderung an uns alle im Raum: Was wir bei den Fußballern so sehr vermissen, das sollten wir jetzt vielleicht mal selbst leben. Denn wer sich über Andere so aufregt, sollte sich ernsthaft bemühen, es selbst besser zu machen. Und zur Zeit ist es wirklich leicht, es besser zu machen als die Fußballer.

Zeigen wir also Moral, Zusammenhalt, Charakter-Stärke. Was erwarten wir von einem Vorbild? Und dann bemühen wir uns, uns so zu verhalten, wie wir es von einem Vorbild erwarten. Das könnte mitreißend wirken. Muss aber nicht. Wichtig ist nur, dass wir alle verstehen, dass das Leben weit mehr ist als nur ein Spiel, bei dem es ums Gewinnen oder Verlieren geht. Um das Herausschlagen von Vorteilen, durch die Andere etwas verlieren. Im alltäglichen Leben geht es sicherlich nicht um das Wunder von Bern, oder das Wunder von Corona. Im richtigen Leben geht es aber auch nicht um das Zelebrieren von Egoismen.

Der Blick in den Spiegel

Und worum geht es im wirklichen Leben dann wirklich? Darauf gibt es sicherlich so viele Antworten, wie es Menschen auf der Erde gibt. Vielleicht geht es auch darum, dass wir uns bei unserem Blick in den Spiegel nicht angewidert abwenden wollen. Vielleicht geht es darum, dass wir bei unserem Blick in den Spiegel ein Gesicht sehen, das für vieles steht, was wir von guten Vorbildern erwarten.

Vielleicht geht von diesem Gesicht ein Zauber aus, der uns wieder an Charakterstärke, Zusammenhalt, Moral und andere Eigenschaften glauben lässt, bei denen es um weit mehr geht als nur ums Gewinnen oder Verlieren.


Beitrags-Photo von manseok Kim auf Pixabay