Kleines Allaaf – ganz groß

Statue eines Roten Funken im TorbogenStellen Sie sich mal vor: es ist Karneval in Zeiten der Pandemie und die Kölner halten sich an alle Regeln. Also an die Corona-Regeln. So geschehen in der gerade zu Ende gegangenen Session, in der nichts war, wie es normalerweise ist. Also keine Veranstaltungen, keine Umzüge, kein Kommerz, keine Ansammlungen von mehr als zwei Privat-Haushalten. Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Keine Touristen, keine Exzesse, keine Schnapsleichen. Nicht einmal schunkeln und bützen (Küsschen geben). Nur klare Regeln, an die sich alle gehalten haben. Also Abstand, Maske und das Übliche.

Und doch gab es sie, die magischen Momente, die es nur im Karneval geben kann. Kölner, die seit Jahren keinen Karneval mehr gefeiert haben, weil sie so angewidert waren von all dem Viel-Zu-Viel, das den Karneval jedes Jahr immer mehr verwässert hat, diese abstinenten Kölner erzählten mir nun, dass auch sie gerade jetzt in Zeiten der Pandemie die Karnevals-Sendungen des wdr Fernsehen eingeschaltet haben. Und mitgesungen haben sie. Jedes Lied. Denn was einmal in tiefstem Herzen verankert ist, das bleibt da. Und singen hilft nun mal, wenn es aus tiefstem Herzen kommt.

Plötzlich sind da Musiker und Kamelle fliegen ans Ufer

Das tiefste Herz des Kölschen Karneval. Das kam in dieser Session zum Vorschein wie ein funkelndes Juwel, das hier und da plötzlich alle gerade Umstehenden mit seinem Glanz in seinen Bann zog. Es tauchte auf, zum Beispiel durch ein bis zwei Musiker, die plötzlich da waren und spielten. Alle Umstehenden sangen sofort mit und weinten dabei zuweilen vor Freude, Rührung, kleinem Glück, das gerade ganz groß rauskam.

In manchem Innenhof tauchte sogar das echte Dreigestirn unverhofft auf und erfreute die Menschen mit ihrer unerwarteten Anwesenheit und gemeinsamem Singen. Am Rheinufer erlebte ich ein paar Kanuten in geschmückten Kanus und Kanu-tauglichen Kostümen, die die Spaziergänger am Ufer sogar mit Kamelle-Schmieße überraschten (Werfen von Süßigkeiten). Anstelle des großen Rosenmontags-Zuges gab es im Fernsehen einen kleinen Model-Zug mit großartigen Persiflage-Wagen im Zusammenspiel mit den Stockpuppen des legendären Hänneschen Theaters.

Kleines Allaaf für Gänsehaut und Tränchen

Und immer wieder erklang das unerwartete Allaaf. Ganz anders als sonst. Viel leiser, viel kleiner. Mit viel kölscher Melancholie, viel, viel Tiefe. Und: so groß in seiner Wirkung. Alles, was passierte, passierte einfach nur so von unten, aus tiefstem Herzen derer, die es passieren ließen. Es passierte, um inmitten dieser anstrengenden Zeit ein paar glanzvolle, glückliche Momente zu erleben.

Es war das pure Herz des Kölschen Karnevals, das in diesem aufs Minimum Reduzierte wieder ganz groß und kraftvoll schlug. Gerade in diesem Reduzierten erwies sich der Karneval als Lebens-Elixier, das Herzen öffnet. Ganz im Hier und Jetzt. Wer in diesen funkelnden Momenten dabei war, hat in Form von Gänsehaut und Tränchen gespürt, wie wichtig die kleinen Momente sind, die eine so große Wirkung entfalten.

Das kleine Allaaf ganz bewusst mit in den Supermarkt nehmen

Ein Paar, ganz entspannt auf einer Herbstwiese im Hier und JetztDie Fähigkeit, diese kleinen Momente im eigenen Herzen ganz groß rauskommen zu lassen, diese Fähigkeit können wir alle das ganz Jahr über genießen. Wir müssen uns nur entscheiden, sie zu leben. Zum Beispiel indem wir einen Menschen im Supermarkt einfach mal anlächeln und ihm den Vortritt lassen, am besten noch garniert mit einem harmlosen Scherz. Oder wenn wir ganz unverhofft plötzlich das Zwitschern von Vögeln hören, können wir auch einfach mal nur zuhören und darin für einen kleinen Moment spüren, wie wir mitten drin stehen im wahren, natürlichen Leben.

Die große Kunst des Glücklichseins liegt oft darin, die kleinen, leisen Juwelen des Alltags zu erkennen und auszukosten. Sie sind wie das kleine, stille Allaaf, das so große Kraft entwickeln kann, das uns die Herzen aufgehen. Wir wissen es eigentlich alle. Und doch verschwindet es immer wieder aus unserem Bewusstsein, aus unserem Alltag. Bis wir es wieder entdecken. Denn am Ende ist es genau das, wonach sich die meisten von uns am meisten sehnen: dass uns das Herz aufgeht. In großen und kleinen Momenten. Allaaf. Ganz klein und still.

Wertschätzung leben?

Bildnachweise, von oben nach unten:
Statue eines Roten Funken im Torbogen: Bild von Wiebke Nimmer
Entspanntes Pärchen auf Herbstwiese: Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay