Mut zum Egoismus mit Köpfchen

Der Kopf von einem Vogel Strauß mit einem freundlich wirkenden Gesicht.

Das winzig kleine Virus legt bekanntlich ein Brennglas auf viele offenkundige Missstände. Und es ist leicht, mit dem Finger zum Beispiel auf den Fleisch-Verarbeiter Tönnies zu zeigen. Es ist auch leicht festzustellen, dass die menschenverachtenden Zustände staatlicherseits verboten sein sollten, wie sie auch bei Erntehelfern anzutreffen sind. Und ja: auch ich wundere mich, was per Gesetz so alles erlaubt ist, was eigentlich verboten gehört.

Aber wenn wir ganz ehrlich sind, wissen wir auch, dass das Corona-Virus gleichermaßen ein Brennglas auf uns selbst legt. Auf das Verhalten eines jeden Einzelnen von uns. Und da wird sie sichtbar: die Schere zwischen ethisch-moralischem Anspruch und den alltäglichen kleinen Egoismen. Da wird ein Tierwohl gefordert. Da wird auch ganz selbstverständlich die Bereitschaft bekundet, gerne mehr dafür zu zahlen. Aber wenn es dann durch den Supermarkt geht, dann wird der Griff zur besseren Qualität dank Tierwohl gerne zur Ausnahme.

Ethisch-moralische Werte und das so harmlos scheinende „ich will aber …“

So läuft es auch bei der Forderung nach sauberer Luft und der Kurz-Strecke zum Bäcker, die mal eben schnell mit dem Auto gefahren wird. So läuft es beim Entsetzen über die Vermüllung der Meere durch Plastik und dem ganzen Verpackungs-Wahnsinn, der durch Online-shopping, Kaffee-Kapseln & Co. entsteht. So läuft es bei der Besorgnis über den Klimawandel und der Selbstverständlichkeit von Wochenend-Trips mal eben nach New York, Mailand oder Marrakesch. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Es ist die Liste der Egoismen, die uns am Ende eben doch wichtiger sind als die rein ideell hoch gehaltenen ethisch-moralischen Ansprüche. Wir werden nicht müde im Finden von all den kleinen und großen Alltags-Lügen zur Rechtfertigung jedes einzelnen „ich will aber …“. Und weil es ziemlich alle so machen, zeigt auch keiner mit dem Finger auf den Anderen, der es genauso macht. Jedenfalls nicht im privaten Umfeld. Trotzdem ist es am Ende unser aller Handeln in dem zum Ausdruck und zum Tragen kommt, was uns wichtiger ist: unsere ethisch-moralischen Werte oder unsere Egoismen?

Die Macht des Egoismus

Dieses so harmlos scheinende, egoistische „ich will aber …“ hat ganz offensichtlich mehr Macht über unser Handeln als jedes bessere Wissen, als jede Moral. Dafür können wir jetzt den Kopf in den Sand stecken. Wir können aber auch mit Köpfchen zur Sache gehen: Nutzen wir die Macht des Egoismus doch einfach mal … aber mit Köpfchen! Nutzen wir die höchst befriedigende Antriebs-Energie des Egoismus für einen Wandel, der so pragmatisch wie erforderlich ist. Nutzen wir die Macht des „ich will aber …“ einfach mal zum Umpolen unserer Egoismen: nutzen wir die Macht des „ich will aber …“ um unser besseres Wissen zu einem gesunden Egoismus zu wandeln.

Wenn wir sagen, „ich will aber … würdevolle Lebens- und Arbeitsverhältnisse für alle“, dann kann sogar Billig-Fleisch von unseren Märkten verschwinden. Wenn wir sagen, „ich will aber … saubere Meere haben“, dann können schon Verpackungen zum Grund von „nicht kaufen!“ werden. Wenn wir unser „ich will aber … saubere Luft zum Atmen haben“ zur egoistischen Priorität erklären, dann lassen wir das Auto gerne stehen, und verstehen das Nicht-Fliegen nicht mehr als Verzicht, sondern als höchst befriedigende Erfüllung unseres machtvollen, egoistischen „ich will aber …“.

Eine ausgesprochen machtvolle Antriebs-Energie

Egoismus an sich ist weder gut noch böse. Egoismus ist einfach nur eine ausgesprochen machtvolle Antriebs-Energie. Es liegt ganz allein an uns selbst, wofür wir diese Antriebs-Energie nutzen. Wir können sie rein impulsiv nutzen für einen Tanz auf dem Vulkan und nach uns die Sintflut. Wir können unseren Egoismus aber auch ganz im Sinne der Nachhaltigkeit nutzen. Wir tun es mit einem kraftvollen „ich will aber … mein besseres Wissen tatsächlich in die Tat umsetzen“. Und das am besten ab sofort. Wann sonst?

So wird Egoismus zum Antrieb für verantwortungsvolles Handeln. Es ist nur ein kleines Umschalten im Kopf auf einen neuen Focus. Für diese Art Egoismus brauchen wir keine Alltags-Lügen zum Übertünchen des schlechten Gewissens. Wir brauchen einfach nur den Mut, im Egoismus das zu sehen, was er ist: eine machtvolle Antriebs-Energie, der zu folgen uns eine tiefe Zufriedenheit verschafft. Und die Richtung dafür bestimmen wir selbst. Am besten mit Köpfchen. Wir müssen uns dessen nur bewusst sein.

 

Beitrags-Photo von skeeze auf Pixabay