Seien Sie gnädig mit sich selbst

Ein Ohr mit einem inneren Gesicht, das spricht. Wenn wir eine neue Sprache lernen, ist uns vollkommen klar, dass es seine Zeit braucht, bis wir aus den ersten paar erlernten Wörtern unseren ersten Satz bilden können. Und dass es noch viel mehr Zeit braucht, bis wir uns in der neuen Sprache frei unterhalten können. Wir wissen, dass wir sehr viel zuhören müssen. Zuhören und lernen, üben, lernen, bis uns eine neue Sprache halbwegs vertraut ist.

Wenn wir einen neuen Umgangs-Ton mit uns selbst anschlagen wollen, oder einen anderen Wandel vollziehen wollen, dann erwarten wir plötzlich, dass das hoppla hopp passiert. Als würde es genügen, einfach nur einen Schalter umzulegen, oder eine garantiert Erfolg versprechende Methode anzuwenden. Als könnten wir dadurch mal eben von jetzt auf gleich ein vollkommen neuer, anderer Mensch sein. Designed nach unseren Wunsch-Vorstellungen.

Wem nützen schon Selbstanklagen?

Und wenn das nicht klappt, dann ergehen wir uns gerne in Selbstanklagen. Trotz aller guten Vorsätze sehen wir in uns selbst wieder und wieder die dusselige Kuh, die es wohl nie lernen wird, sich selbst zum Beispiel als Liebelein anzusprechen. Doch wem nützen schon Selbstanklagen? Welchen Wandel unterstützen sie? Selbstanklagen bewirken nur eines: sie betonieren die Umstände, die wir eigentlich ändern wollen.

Nun rutschen uns die Selbstanklagen aber gerne aus uns heraus, sobald wir nicht übers Knie gebrochen bekommen, was wir so unbedingt sofort erreichen wollen. Dann heißt es: seien Sie gnädig mit sich selbst. Gehen Sie über die Starre der Selbstanklage hinaus, indem Sie Bewegung in Ihren Wandel bringen: bewegen Sie sich von der Anklagebank hinüber zur Verteidigung. Denn genauso, wie uns eine fremde Sprache nicht von heute auf morgen so  vertraut ist, dass wir uns darin frei unterhalten können, genauso braucht auch jeder persönliche Wandel seine Zeit zum Lernen, Üben, Lernen, zum Vertraut-Werden.

Was hält uns davon ab zufrieden zu sein?

Und eines ist bei jedem persönlichen Wandel noch wichtiger als beim Erlernen einer Sprache: das Zuhören. Das Hineinhorchen in uns selbst: Was hält uns davon ab uns so zu verhalten, wie wir es eigentlich wollen? Was hält uns davon ab, mit uns selbst zufrieden zu sein? Die Erinnerungen dazu kommen in Bild und Ton, wenn wir sie nur zulassen, indem wir gnädig sind mit uns selbst. Indem wir dieses Erinnern zulassen und reflektieren, erlernen wir die Sprache unserer Seele. Wir lernen wieder, auf unsere Seele zu hören, sie wichtig zu nehmen. Je wahrhaftiger wir das tun, um so schneller und klarer verstehen wir unser Leben in seiner individuellen, logischen Abfolge aus Ursache und Wirkung.

Das braucht Zeit. Und viel Gnädig-Sein im Umgang mit uns selbst. Es hilft, damit wir uns und unser Leben verstehen. Und wenn wir uns aus diesem Verstehen heraus selbst tröstend umarmen können, dann kommen wir in die Energie, in der wir den Wandel leben können, den wir uns wünschen. Das ist sicherlich anstrengender als jeder Versuch, den Wandel mal eben mit einem „ich will aber …“ übers Knie zu brechen. Dafür ist es mehr als nur Erfolg versprechend. Es ist ein Weg zu tiefer, echter Zufriedenheit mit uns selbst.

Ein Wandel für ein neues, freies Lebensgefühl

Ein Wandel, der aus dem Verstehen unseres persönlichen Lebens heraus passiert, etabliert sich nachhaltig. Er wird uns von innen heraus so vertraut, dass wir uns im geänderten Umgang mit uns selbst und mit Anderen überhaupt nicht mehr anstrengen müssen. Wir merken nur irgendwann, dass wir ein neues, freieres Lebensgefühl genießen. Wir merken, dass uns die Sprache unserer Seele so vertraut wird, dass es uns mit tiefer Zufriedenheit erfüllt. Wir spüren es in echtem, gelassenem Selbstvertrauen.

Für mich klingt das viel angenehmer als die Vorstellung, ich müsste mein Leben immer wieder neu mit einem druckvollen „ich will aber …“  übers Knie brechen.

 

Leer