Technik versus Faktor Mensch

Ein Baby schläft voller Vertrauen auf der Brust seines schlafenden Vaters.Triage – das ist eins der Schreckgespenste der Ärzte, die das winzig kleine Virus in unseren Alltag spült. Denn die Triage zwingt einem Arzt im Fall begrenzter Kapazitäten die Entscheidung über Leben und Tod auf. Heißt im Klartext: Wer wird behandelt und wessen Tod wird dafür notgedrungen in Kauf genommen? Eine Entscheidung, die ganz bestimmt niemand von uns treffen möchte. Schon gar nicht in dieser essentiellen Klarheit.

In Deutschland hat diese Bedrängnis eine besonders pikante Note. Denn die technische Ausstattung, mit der Corona hier zurzeit behandelt wird, ist durchaus vorhanden, wie wir immer wieder hören. Allein – es fehlt das Personal. Personal, um die Technik zu bedienen, Personal, das sich um Patienten kümmert. Es ist nicht vorhanden. Es fehlt, weil in unserem Gesundheits-System etwas ganz Essentielles fehlt: die Fähigkeit zur Einsicht.

Die essentielle Einsicht

Auf den best bezahlten Posten des Systems fehlt die Einsicht, dass man qualifiziertes Personal, von dem ein Höchstmaß an Leistung und Verantwortung erwartet wird, angemessen bezahlen muss. Geld für Technische Ausstattung und Chemie ist offensichtlich immer vorhanden, selbst, wenn es dann mangels Personal nur sinnlos herumstehen kann. Doch für den Faktor Mensch, also für Personal? Selbst in Billigst-Lohnländern hat sich herumgesprochen, dass Kranken-Schwestern und -Pfleger in Deutschland kaum von ihrem Gehalt leben können, weshalb sich Anwerbe-Versuche immer wieder als zwecklos erweisen.

Sich über diese Zustände zu empören ist leicht. Doch zu wie viel essentieller Einsicht ist jeder einzelne von uns in aller Konsequenz bereit? Welche Abwägungen treffen wir in unserem Alltag zwischen Technik und dem Faktor Mensch? Konzentrieren wir uns zum Beispiel wirklich auf die Menschen, mit denen wir es gerade zu tun haben, oder recherchieren wir das, worüber wir gerade reden, vielleicht gleichzeitig beim Daddeln im Web?

Worauf wir uns verlassen können

Wenn wir eine Entdeckungs-Tour in eine uns unbekannte Stadt planen: planen wir alles vorab über Top Ten  Empfehlungen aus dem Web, oder planen wir eine herrliche Tour ohne Handy, ohne google Maps, ohne jede Technik und Plan und freuen uns auf die Überraschungen, die unsere Spürnase uns bescheren wird? Und wissen wir das, was wir entdecken, dann auch zu schätzen, oder haben wir Angst, wir könnten was verpasst haben, weil wir uns ja „nur“ von unserem eigenen Gefühl haben leiten lassen?

Wie sicher vertrauen wir unserem Instinkt, unseren wahren Gefühlen? Wie sicher vertrauen wir unserem Gespür dafür, in welcher Richtung es für uns weiter geht? Vertrauen wir uns selbst noch mehr als all der Technik, mit der wir uns umgeben? Was ist uns der Faktor Mensch wirklich wert, wenn es drauf ankommt? Vertrauen wir einem Arzt, der sich bei seiner Diagnose auf ein Abtasten stützt und nicht auf Zahlen aus Messgeräten, die wir Laien ohnehin nicht verstehen? Und was nützen Mess-Ergebnisse ohne Menschen, die entscheiden, was gemessen werden soll und die aus all dem die richtigen Schlüsse ziehen?

Der Wert von Faktor Mensch

Vielleicht spiegelt dieses Gesundheits-System nur wider, was wir als Gesellschaft mehr oder weniger unbewusst leben. Sehr unbewusst treffen wir allzu oft mit essentieller Klarheit eine Entscheidung zugunsten der Technik. Damit nehmen wir ganz ohne Not billigend in Kauf, dass in uns das verkümmert, was uns als Menschen ausmacht: der Faktor Mensch mit seinen menschlichen Sinnen und seinem Gespür für das, was wirklich wichtig ist.

Vielleicht ist das Essentielle, was uns allen fehlt, die Fähigkeit zur Einsicht, dass der Faktor Mensch auch in unserem Alltag wichtiger ist, als die scheinbare Sicherheit, die uns von Apparaten und ihren selektiven Fakten vermittelt wird. Vielleicht finden wir die Sicherheit, die wir so gerne hätten, viel eher in uns selbst als irgendwo sonst. Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn wir den Faktor Mensch wieder als das wertschätzen, was er wirklich ist: das Essentielle in unserem Leben.

 

Wertschätzung leben?

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