Wenn dem Klatschen das Handeln folgt

Ein Keyboard mit Bezahl-Taste.

Endlich spüren wir, dass es die kleinen und großen Helden des Alltags sind, die unser Leben am Laufen halten. Klatschend bekunden wir Solidarität mit den Menschen, die für unsere Nahrung, unsere Gesundheit und unsere Pflege sorgen. Denn endlich merken wir, dass es diese kleinen und großen Helden des Alltags sind, die wirklich System-relevant sind. Und endlich wächst die Einsicht, dass es diese Menschen sind, die für ihren täglichen Einsatz endlich mal angemessen entlohnt werden müssen. Nicht nur jetzt, sondern immer. Auch nach der Krise.

Doch es reicht nicht, mit dem großen Zeigefinger auf Herrn Spahn zu zeigen, unseren Gesundheits-Minister, der auf der Suche nach billigen Pflegekräften durch Ost-Europa reiste, anstatt hier vor Ort für angemessene Gehälter zu sorgen. Reisen, die übrigens erfolglos blieben, weil sich selbst in Ost-Europa längst herumgesprochen hat, dass man in Deutschland nicht von seiner Arbeit leben kann, wenn man in wirklich System-relevanten Berufen tätig ist.

Wem stopfen wir unser Geld in die Taschen?

Es reicht auch nicht, mit dem Finger auf alle anderen zu zeigen, die das Geld in die falschen Taschen stopfen. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit unseren aktuellen Solidaritäts-Bekundungen für die wirklich System-Relevanten, dann müssen wir vor allem bei uns selbst anfangen. Und jetzt überlegen Sie mal, was Sie in den vergangenen zwei, drei Wochen so alles bei globalen Multis wie Amazon und Co. bestellt haben.

Hätten Sie das vielleicht auch bei Ihrem Händler nebenan bestellen können, der gerade ums Überleben kämpft? Oder hätte Ihr Kauf vielleicht auch warten können, bis der Laden vor Ort wieder öffnen darf? Wann haben Sie das letzte Mal darüber nachgedacht, in welche Taschen Sie Ihr Geld stopfen? In die Taschen globaler Multis, die ihre Angestellten schlecht bezahlen, hier kaum Steuern zahlen, aber gratis unsere Infrastruktur nutzen? Oder stopfen Sie Ihr Geld lieber in die Taschen der vielen kleinen Unternehmen und Läden, die hier unser Leben am Laufen halten und hier die Steuern und Sozialbeiträge zahlen, von denen unsere Infrastruktur und unser Gesundheits-System finanziert werden?

Solidaritäts-Bekundungen mit Substanz

Wenn wir unser Geld hauptsächlich den globalen Multis in die Taschen stopfen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn unserem Einzelhandel vor Ort dadurch endgültig die Luft ausgeht. Und je mehr Händlern und Herstellern hier die Luft ausgeht, umso weniger Geld landet in den Kassen, aus denen die großen und kleinen Helden des Alltags hier bezahlt werden.

Trotzdem steht Amazon schon jetzt als großer Krisen-Gewinner fest. Weil beim Haben-Wollen die Bequemlichkeit und ein paar ergeizte Euros wichtiger sind als jede laut beklatschte Solidarität? Wirklich Substanz bekommen unser Solidaritäts-Bekundungen erst, wenn wir bei wirklich jeder Ausgabe darüber nachdenken, wem wir unser Geld in die Taschen stopfen und vor allem: welche Solidarität wir damit wirklich leben.

Was unser Leben am Laufen hält

Fangen wir einfach mal an konsequent zu sein. Solidaritäts-Bekundungen sind schön. Bewusstes Einkaufen vor Ort ist wertvoll. Denn nur das nützt am Ende den großen und kleinen Helden des Alltags. Und wenn wir mit ein Bisschen Köpfchen einkaufen, können wir mit unserem Kauf-Verhalten vielleicht dafür sorgen, dass auch das kleine Unternehmen, der kleine Laden um die Ecke wieder mehr Luft zum Atmen bekommt und diese Krise überlebt.

Wenn uns unsere Solidarität mit den großen und kleinen Helden des Alltags wichtiger ist als ein paar ergeizte Euros, leben wir damit wesentlich mehr als eine schöne Idee. Solidarität ist das Prinzip, das unser Leben am Laufen hält. Denn unser gesamtes Leben, das aus permanentem Geben und Nehmen besteht, kann auf Dauer ja nur funktionieren, wenn es allen gut geht. Nur dann landet genügend Geld in den Kassen, aus denen die wirklich System-Relevanten bezahlt werden.

Wenn wir das jetzt kapieren, …

Dafür, dass unsere wirklich System-Relevanten auf Dauer von Ihrer Arbeit leben können, können wir alle gemeinsam sorgen: indem wir dem solidarischen Klatschen auch ein solidarisches Handeln folgen lassen. Wenn wir das jetzt nachhaltig kapieren, haben wir schon wieder sehr viel gewonnen.