Wer sind wir denn?

Ein Straßenmusiker mit Gitarre, ohne Publikum

Sehr beeindruckend erleben wir gerade, was hierzulande als wirklich systemrelevant gilt. Die Kultur gehört offenkundig nicht dazu. Während Schlachthöfe, die sich als Corona-Hotspots erwiesen haben, weiter betrieben werden dürfen, darf der Kultur-Betrieb seit März nicht mehr stattfinden. Keine Konzerte, kein Kino, geschlossene Museen, während überfüllte Busse und Bahnen durch Stadt und Land fahren. Plötzlich zeigt sich, dass Kunst und Kultur als verzichtbares Freizeit-Vergnügen eingestuft werden. Und das, obwohl im Kultur-Betrieb kein erhöhtes Infektions-Risiko festgestellt worden ist.

Als relevant eingestuft wird offensichtlich nur das rein Materielle. Immerhin hat man inzwischen gelernt, dass Kinder das Sozialleben in der Schule benötigen, so wie Kranke und Pflege-Bedürftige ihren Besuch. Zu schnell und zu deutlich trat hier zu tage, welche verheerenden Folgen es hat, wenn menschliche und seelische Notwendigkeiten strikt unterbunden werden. Das lässt hoffen. Zeigt es doch, dass wir in puncto seelischer Notwendigkeiten offensichtlich noch lernfähig sind. Endlich ringen wir um einen gangbaren Weg zwischen menschlichen Erfordernissen und effektivem Gesundheitsschutz. Und das sollten wir unbedingt ausbauen.

Der Nährboden des puren Materialismus

Denn um zu sehen, was einer ganzen Gesellschaft auf Dauer passiert, in der nur das rein Materielle als relevanter Wert eingestuft wird, genügt ein Blick nach Amerika. Wo nur noch das rein Materielle zählt, können wir uns als Individuen nur noch über das rein Materielle identifizieren. Alles andere würde uns wertlos machen. Im puren Materialismus zählt daher nur noch der eigene Vorteil, den es um jeden Preis zu erzielen gilt. Dann ist der, der am dreistesten auf dicke Hose macht, der größte gefeierte Held. Das ist der ideale Nährboden für ein Trumpeltier mit glühenden Fans.

Eigentlich sind wir uns ja einig, dass wir solche Verhältnisse hier nicht wollen. Aber dann müssen wir uns auch mal den wirklich relevanten Fragen stellen: Wer sind wir? Was macht uns wirklich aus? Was sind unsere ethisch-moralischen Erwartungen? Woher kommt unser Gespür für richtig und falsch, für sympathisch und Ablehnung, für klare Grenzen? Welchen Wert hat Empathie für uns? Und in welcher Form kommen die Antworten auf diese Fragen wo zum Ausdruck? Wo findet die Reflexion darüber statt? Woher kommen neue Impulse? Was ist unsere wahre Identität?

Identitäts-Stifter in Kunst und Kultur

Ruine eines antiken AmphietheatersBei aller Neugierde auf das Fremde und Unbekannte, fühlen wir uns dem zugehörig, was wir bezeichnenderweise als unseren „Kultur-Kreis“ empfinden, und nicht etwa unseren „Wirtschafts-Kreis“. Es ist kein Zufall, dass sich die Kultur des Flamencos im heißblütigen Spanien entwickelt hat, während wir uns hier im kühlen Norden gern als das Volk der Dichter und Denker sehen. Seit eh und je kommt der Geist, von dem eine Gesellschaft getragen ist, in der Kunst zum Ausdruck. Von den ersten Höhlen-Malereien bis hin zum Bollywood Film wird sichtbar, wie in der Kunst reflektiert wird, was uns wirklich bewegt.

Und es zeigt sich, wie unverzichtbar und wie identitäts-stiftend die Kunst ist. Die verwundeten und verwirrten Seelen der Nachkriegszeit fanden Halt in den Büchern von Heinrich Böll. Wie sähe unser Lebensgefühl heute aus, hätte es die Inspiration und die Musik der Beatles nie gegeben? Hätten sich die damals so festgefahrenen, starren Gesellschafts-Strukturen ohne den Dadaismus aufbrechen lassen? Hätten wir zu unserer heutigen, so offenen und liberalen Gesellschafts-Form gefunden? Und: Gäbe es das Phänomen „Trump“, hätte dieser Ignorant in Amerika anstelle des puren Materialismus wenigstens ein Bisschen kulturelle Bildung erfahren?

Identität – ein verzichtbares Freizeit-Vergnügen?

Seit eh und je findet die Reflexion darüber, was uns wirklich ausmacht, in der Kunst statt. Seit eh und je kommen die Anstöße für gesellschaftliche Veränderungen aus der Kunst. Seit eh und je sind es die Künstler, die immer wieder um neue Antworten auf die wirklich relevanten Fragen ringen und sie zum Ausdruck bringen. Seit eh und je ist es die Kunst, die formuliert wer wir sind, was unseren Kultur-Kreis ausmacht. Die Kunst erweist sich in allen Kulturkreisen als Identitäts-Stifterin, die uns Menschen miteinander verbindet.

Die Kunst öffnet unsere Sinne für das, was uns ausmacht in unserem Mensch-Sein. Die Kunst öffnet unsere Sinne für Empathie, für soziales Bewusstsein, für das Spüren und Leben echter Werte. Die Kunst formuliert und befriedigt unsere seelischen Notwendigkeiten. Die Kunst öffnet unsere Sinne für Zwischentöne, für Toleranz, für gegenseitiges Verstehen-Wollen. Die Kunst bereitet den Weg für unser friedliches Miteinander, für unser Zusammengehörigkeits-Gefühl.

Öffentliches Ringen um einen effektiven Weg

Der Tanz im SonnenuntergangWer in die Welt der schönen Künste eintaucht, wird dort ganz bestimmt nicht absinken in empathielose Abgestumpftheit. Wer in die Welt der schönen Künste eintaucht, wird ganz bestimmt nicht abdriften in das, was wir heute als dumpfen Populismus bezeichnen. Die Kunst ist der Gegenpol zum puren Materialismus. Und das soll ein verzichtbares Freizeit-Vergnügen sein?

Natürlich müssen wir uns an die Corona-Regeln halten, auch wenn wir deren Logik oft nicht nachvollziehen können. Natürlich müssen wir alle darauf achten, das Infektions-Risiko für uns und unsere Nächsten so gering wie möglich zu halten. Aber wir müssen bei alledem auch einen klaren Blick dafür behalten, wer wir sind, welche seelischen Notwendigkeiten uns ausmachen. Dringender als zuvor benötigen wir jetzt die Plattformen, auf denen die für unsere Identität relevanten Fragen im offenen Dialog reflektiert werden. Auf dieser Basis können wir dann gemeinsam um gangbare Wege ringen, wie wir bestmöglichen Infektions-Schutz erreichen und dabei doch wir selbst bleiben.

Wer sind wir denn?

Nun zeigt sich im Umgang mit Schule und Pflegeheimen, dass wir in puncto seelischer Notwendigkeiten doch noch Diskurs- und lernfähig sind. Gehen wir einen Schritt weiter und machen uns wieder bewusst, welche Notwendigkeiten für uns wirklich relevant sind. Nutzen wir dafür die Inspiration der Künstler, so ausschweifend wie es unter Corona-Bedingungen möglich ist. Und vor allem: Sorgen wir dafür, dass diejenigen, die die Kultur in unseren Kultur-Kreis bringen, überleben können. Und das sind unsere Künstler.

Viele Menschen kaufen jetzt zum Beispiel Gutscheine für Veranstaltungen, die sie möglicherweise nie besuchen werden. Ideen wie diese sind es, die unsere Künstler jetzt brauchen, um weiter existieren und weiter Künstler sein zu können. Unterstützen wir sie, so vielfältig und so gut wir können. Denn wer sind wir denn? Etwa ein Volk der Dichter und Denker, das seine identitäts-stiftenden Dichter und Denker als verzichtbares Freizeit-Vergnügen aufs Abstellgleis schiebt? Wollen wir uns selbst wirklich dermaßen in den puren Materialismus treiben?

Impulse für die Haltung

Johann Wolfgang von Goethe im PortraitWenn wir es ernst meinen mit unseren menschlichen Werten, dann ist jetzt die beste Zeit für die Reflexion darüber, welche Bedeutung die Kunst in jedem Kultur-Kreis für das Mensch-Sein hat. Und es ist auch die beste Zeit, um uns daran zu erinnern, woher die Impulse kommen, durch die wir zu unserer eigenen menschlichen Haltung finden. Denn aus dem Wissen, wer wir sind, entspringt die Haltung, die uns den sichersten Halt bietet, den wir uns wünschen können. Gerade in Zeiten wie diesen.

Und darum brauchen wir unser kulturelles Leben und unsere Künstler mehr, als sie unsere Unterstützung brauchen. Sie gehören zu unseren menschlichen Notwendigkeiten. Gerade in Zeiten wie diesen.

Wertschätzung leben?


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