Wir waren mal, was wir kauften

Ein attraktives Pärchen unterhält sich auf einem Bootsanleger.

Es ist lange, lange her. In der Zeit vor Corona. Da waren unsere Fußgängerzonen voll mit gut gelaunten Menschen, die Ihre Gesichter offen zeigten. An ihren Händen baumelten volle Einkaufstüten mit unterschiedlichsten Inhalten, die aber alle gerne in gleicher Weise verheißungsvoll waren. Denn ihr Inhalt versprach für den Menschen, an dessen Hand die vollen Einkaufstüten baumelten, nichts geringeres als: ein neues Stück Identität.

So war das damals, in der Zeit vor Corona. Shoppen galt vielen von uns als Freizeit-Spaß und wir waren, was wir kauften. Dieser offen sichtbare und Identitäts-stiftende Materialismus galt als so normal, dass sich die meisten von uns dessen noch nicht einmal bewusst waren. Wozu auch. War ja alles super. Wenn auch vielleicht …, na ja, aber, ach nee, lieber nicht drüber nachdenken, statt dessen lieber noch was Schönes kaufen.

Einen Anflug von Normalität genießen

Und dann kam das winzig kleine Virus und stellte alles auf den Kopf. Offensichtlich sogar unsere Einstellung zu Konsum und Materialismus. Jetzt, nach sieben Wochen LockDown, schauen wir in die Fußgängerzonen und sehen zwar wieder mehr Menschen als in den sieben Wochen zuvor, aber der Andrang, den wir uns nach so langer Abstinenz hätten vorstellen können, diesen Andrang scheint es nicht zu geben.

Die Menschen, die in die Innenstädte kommen, bummeln, schauen, und an ihren Händen baumeln: keine Einkaufstüten. Weder volle noch leere. Das Kaufen scheint nicht mehr so wichtig zu sein. Bummeln, schauen, einen Anflug von Normalität genießen – das reicht neuerdings. Sicher, in Zeiten wie diesen ist es einfach nur klug, das weniger gewordene Geld zusammen zu halten und nur das zu kaufen, was wirklich notwendig ist. Aber diese neue Zurückhaltung in Sachen Konsum scheint auch niemanden ernsthaft zu stören.

Identität passt in keine Einkaufstüte

Gleichzeitig kommen viel weniger Autos in die Stadt, dafür aber so viel mehr Fahrräder, dass zum Beispiel in Köln so manche Autospur für den Fahrrad-Verkehr freigegeben werden soll. Und auch das scheint einfach nur richtig zu sein. Als gehöre das alles zu einer neuen Normalität, auf die wir eigentlich schon lange gewartet hatten.

Natürlich ist all das nur eine kurze Moment-Aufnahme, von der kein Mensch weiß, wie lange sie sich halten wird. Schon morgen kann alles wieder ganz anders aussehen. Und doch kommt es mir so vor, als wäre es auch morgen nicht mehr allzu wichtig, dass in den Fußgängerzonen an den Handgelenken der Bummelnden volle Einkaufstüten baumeln. Das Shoppen scheint seine Funktion als Identitäts-Stifter verloren zu haben. Weil wir endlich begriffen haben, dass Identität in keine Einkaufstüte passt?

Die tatsächliche Bereicherung

Wenn sich diese sanfte Abkehr vom Identitäts-stiftenden Materialismus in unserer Zukunft nach Corona tatsächlich dauerhaft etabliert, weil wir das als tatsächliche Bereicherung unseres Lebens und unserer Identität erleben – dann hat uns dieses winzig kleine Virus am Ende einen richtig guten Dienst erwiesen.

Wenn wir jetzt anfangen, unsere Identität zum Beispiel in Charme, Humor, Geist, Solidarität und Herzlichkeit zu finden, dann dürfen wir uns auf neue bereichernde Erlebnisse freuen. Dann sind wir die, die wir in uns entdecken. Und das ist mit Sicherheit spannender als der Blick in eine Einkaufstüte.


Beitrags-Photo von pasja1000 auf Pixabay